Anerkannte Pauschalwerte – Wichtiger Baustein für die Energieeffizienz

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Anerkannte Pauschalwerte – Wichtiger Baustein für die Energieeffizienz

Mit der Einführung der Wärmelieferverordnung im Jahr 2013 wurde die gesetzliche Grundlage zur Umstellung auf gewerbliche Wärmelieferung geschaffen. Eine wesentliche Voraussetzung ist die sogenannte „Kostenneutralität“. Dafür ist ein Kostenvergleich zwischen der Eigenversorgung und der Wärmelieferung zu erstellen. Für diese Berechnung muss, sofern der Jahresnutzungsgrad der bestehenden Heizungsanlage nicht bekannt ist und auch keine Messungen vorliegen, auf anerkannte Pauschalwerte zurückgegriffen werden. Dazu wurden in einem Forschungsprojekt des Europäischen Bildungszentrum Bochum unter der Leitung von Herrn Prof. Grinewitschus eine Formel zur Berechnung der anerkannten Pauschalwerte entwickelt.

Mitbegleitend wurde der Arbeitskreis Anerkannte Pauschalwerte (Verbändeübergreifender Arbeitskreis) gegründet. Verbändemitglieder sind
AGFW – Der Energieeffizienzverband für Wärme, Kälte und KWK e.V.
BDEW – Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e.V.
ESCO Forum im ZVEI, Fachbereich Immobilienwirtschaft
GdW – Bundesverwand deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e.V.
VfW – Verband für Wärmelieferung e.V.

Die beteiligten Verbände erhoffen sich durch das Gutachten neue Impulse für klimafreundliche Modelle der gewerblichen Wärmelieferung in der Wohnungswirtschaft, um den Sanierungsstau im Gebäudebestand zu beseitigen.

Der VfW im Interview zum Thema „Anerkannte Pauschalwerte“ mit Dipl.-Ing. Stefan Scherz, Arbeitskreismitglied im Bereich Technik:

 

Dipl.-Ing. Stefan Scherz, Ingenieurdienstleistungen IDL

 

Wie wurde das Verfahren entwickelt und die Formel erstellt?

Die Verbände AGFW, BDEW, B.KWK, ESCO Forum im ZVEI und VfW haben 2015 ein gemeinsames Forschungsprojekt zur „Ermittlung von anerkannten Pauschalwerten für den Jahresnutzungsgrad (JNG) von Heizungsanlagen“ initiiert. Dieses wurde im Europäischen Bildungszentrum (EBZ), Bochum unter der Leitung von Herrn Prof. Grinewitschus durchgeführt. Das Ziel dabei war, ein Verfahren zu entwickeln, welches den JNG von im Bestand befindlichen Heizungsanlagen mit höherer Genauigkeit abschätzen lässt, als jene Zuweisung anhand der vom Ministerium der WLVO mitgelieferten Tabelle. Als Ergebnis dieser Studie ergibt sich das Verfahren (die Formel) zur Berechnung der anerkannten Pauschalwerte.

JNG = 85,56 + bw x 1,617 – ath x 4,131 + h x 1,161 + p x 0,00428 – (bvh x 0,00153 + (2,071/bvh))

 

Welche Einflussfaktoren werden in der Formel berücksichtigt?

Anhand von ca. 600 Bestandsanlagen wurden folgende Einflussfaktoren ermittelt:

  • JNG Startwert
  • Kesselart (Brennwert- / Niedertemperaturtechnik),
  • Brennerart (atmosphärischer oder Gebläse-Brenner),
  • Betriebsart (Heizung / Heizung mit Warmwasserbereitung),
  • Nennleistung der Kessel sowie Betriebsvollaststunden

Bis heute sind mehrere tausend Datensätze in die Studie eingeflossen. Die Formel ist so aufgebaut, dass neue Daten ohne weiteres aufgenommen werden können. So müssen seit der jüngsten Gesetzesänderung auch die Energiemengen zur zentralen Warmwasseraufbereitung gesondert erfasst werden. Ebenfalls wichtig für die Auswertung sind die Abgasverluste.

 

Warum ist das Baualter der Kessel in der Formel nicht berücksichtigt?

Aus den vorliegenden Daten ist ersichtlich, dass das Alter bei baugleichen Kesseln nur geringe Auswirkungen hat. Es spielt nur dann eine Rolle, wenn technologische Entwicklungssprünge damit verbunden sind. Aus diesem Grund wurden die Brenner berücksichtigt, da ein Gebläsebrenner im Vergleich zum atmosphärischen Brenner deutlich effizienter ist. Sollte es auf Grund von zusätzlichen Daten in ausreichender Menge zu signifikanten Einfluss des Baujahres kommen, so kann die Formel um einen Koeffizienten erweitert werden. Das ist aber im Moment auf Basis des aktuellen Kenntnisstandes nicht nötig.

 

Wie erfolgt die Berechnung, wenn sich in einer Heizungsanlage Mehrkesselanlagen befinden? Wird der JNG für jede Kesselanlage einzeln bestimmt und im Anschluss (nach Kesselleistung gewichtet) wieder zusammengefügt?

Rechnerisch ist es richtig. Dennoch wird eine gewisse Unsicherheit bestehen, da die Laufzeiten der einzelnen Kessel nicht bekannt und somit auch nicht einfließen können. Geht man von einer gleichmäßigen Nutzung der beiden Kessel aus, so ist auch die o.g. Rechnung korrekt.

Quelle: Gutachten von Prof. Dr. Viktor Grinewitschus (Projektleitung) zur „Ermittlung von anerkannten Pauschalwerten für den Jahresnutzungsgrad (JNG) von Heizungsanlagen, 2015 Institut „Energiefragen der Immobilienwirtschaft“ der EBZ Business School, Bochum

 

Bei der Studie wurden Kessel im Bereich von rd. 60 kW bis 2,7 MW berücksichtigt. Kann diese Grenze überschritten werden?

Nein. Eine Übertragung auf andere Leistungen ist nicht validiert und daher nicht zu empfehlen, so ist Herr Prof. Grinewitschus in seinen Ausführungen zu verstehen.

 

Der Nutzungsgrad von Gasanlagen ist besser als von Ölanlagen. Gibt es dazu technische Studien oder andere wissenschaftliche Aussagen dazu?

Nach Rücksprache mit Herrn Prof. Grinewitschus haben auf Grund von höheren Abgastemperaturen und der Ablagerung von Ruß Ölanlagen grundsätzlich höhere Abgasverluste. Die Aussage gilt nur für den Vergleich mit Gasanlagen mit Gebläsebrenner. Auf Grund der Voraussetzungen ist davon auszugehen, dass der JNG vergleichbarer Ölanlagen geringer ist. Leider konnten bisher noch nicht ausreichend Ölanlagen ausgewertet werden.

 

Wird die Feuerungs- oder die Wärmeleistung in der Formel eingesetzt?

Nach Abzug der diversen Verluste der Heizungsanlage von der Feuerungswärmeleistung ergibt sich die Wärmeleistung. Also muss in der Formel die Feuerungswärmeleistung eingesetzt werden.

Bei der nächsten Datenerhebung sollten in Abstimmung mit Herrn Prof. Grinewitschus die Abgasverluste der Heizungsanlagen über die Dokumentation der Emissionsprotokolle mit erhoben werden. Dadurch wird eine noch höhere Genauigkeit der Vorhersage von Nutzungsgaden erzielbar sein.

 

Wird die Formel für die anerkannten Pauschalwerte bereits verwendet?

Der vom VfW angebotenen Kostenvergleichsrechner „Kostenvergleich vor Umstellung auf Wärmelieferung (gem. WärmeLV)“ wurde am 15.03.2016 entsprechend aktualisiert, so dass hier auf die neu erstellten Pauschalwerte zugegriffen werden kann. Auch andere „Rechner“ in der Branche haben sich auf diese anerkannten Werte eingestellt.

 

Wie ist der Stand bzw. die gesetzliche Grundlage für die Anerkennung?

Seit März 2016 gibt es die „noch nicht offiziell anerkannte“ Pauschalwertformel der Verbände. Diese ist seit einem Jahr im Praxistest und die Contractoren berichten mir, dass diese Formel bzw. die daraus abgeschätzten Werte der Realität deutlich näherkommen, als die zuvor versendete Tabelle des BMVBS. Der AGFW hat die Formel in einen s.g. Regelwerksbaustein FW 314 hingegeben und dieser befindet sich derzeit im „Gelbdruck“-Verfahren. Nach Ablauf der Einspruchsfrist Ende Juli 2017 wird er zum „Weißdruck“, das heißt, es ist dann eine gute Grundlage für die Bestimmung des JNG bereitgestellt worden.

Außerdem wurde das Arbeitspapier WärmeLV der BMWi-Arbeitsgruppe Rechtsrahmen/EDL (Plattform Energieeffizienz) veröffentlicht, das für weitere Rechtssicherheit sorgt. Weitere Informationen sind für Verbandsmitglieder hier erhältlich.

 

Audio-Kommentar von Stefan Scherz zu den Anerkannten Pauschalwerten

Wir danken Herrn Scherz für die Interviewbereitschaft und für die engagierte Tätigkeit als Mitglied im Arbeitskreis Anerkannte Pauschalwerte sowie als Vorsitzender des Beirates für Technik-Innovation-Management im VfW.

Weiterführende Links

Kostenvergleichsrechner des VfW

Arbeitskreis Anerkannte Pauschalwerte im VfW

Gutachten zur „Ermittlung von anerkannten Pauschalwerten für den Jahresnutzungsgrad (JNG) von Heizungsanlagen“

Durchbruch ber der Wärmelieferverordnung: Neue anerkannte Pauschalwerte
Verbändebündnis veröffentlicht empirisches Gutachten (Pressemeldung des VfW Januar 2016)

 

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