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Blockchain – Potenzial für den Energiesektor?

Die Technologie BLOCKCHAIN soll die Finanzwelt revolutionieren. Auch dem Energiesektor werden, verbunden mit dieser Technolgie, große Veränderungen für die Zukunft vorausgesagt.

Quelle: Innovation Hub innogy, Das Internet verändert sich – Internet der Informationen wird um Internet der Werte (Web 3.0 Bild)

 

Die Meinungen dazu sind unterschiedlich. Wir haben drei Experten aus der Finanz-, Volks- und Energiewirtschaft befragt.

 

 

Jannis Holthusen, Geschäftsführer Upchain GmbH

Filip Milojkovic, beratender Volkswirt – Energiewirtschaft

Kerstin Eichmann, Operative Lighthouse Lead Machine Economy, Innovation Hub Innogy

 

 

Blockchain wird als die Trend-Technologie gehandelt. Denken Sie sich bitte einmal zehn Jahre in die Zukunft, in welchem Bereich hat sich Ihrer Meinung nach Blockchain durchgesetzt?

Blockchain - Trend-Technologie

Jannis Holthusen, Geschäftsführer Upchain GmbH

Gute Chancen für Blockchain-Technologie sehe ich dort, wo gehandelt wird. Blockchain-Technologie kann helfen, das Clearing und Settlement zu vereinfachen und zu beschleunigen. Viele Anwendungsmöglichkeiten sehe ich entsprechend im Finanzbereich – und genauso beim Handel von Energie.

Filip Milojkovic, beratender Volkswirt – Energiewirtschaft

Kryptowährungen sprießen derzeit wie Pilze aus dem Boden. Seit 2009 Bitcoin ins Leben gerufen wurde kamen Hunderte weitere hinzu. Als Ersatz für durch Zentralbanken ausgegebenes Geld entfalten alternative Währungen überall dort ihre disruptive Kraft, wo Assets gehandelt werden. Man muss jedoch klar trennen zwischen der Technologie Blockchain und ihrer Anwendung in Form einer Kryptowährung, wie beispielsweise Bitcoin. Kryptowährungen in der Finanzbranche sind gekommen um zu bleiben, es geht wohl eher um die Frage, wie die Behörden darauf reagieren und regulierend eingreifen und so die Vorteile aus der Reduktion von Transaktionskosten auch für den Anwender transparent werden. Wohl einer der bekanntesten Fälle für den sinnvollen Einsatz einer Blockchain ist im internationalen Geldtransfer. Man denke an Western Union oder Money Gram, die bislang horrende Gebühren erhoben, die nun drastisch fallen.

Kerstin Eichmann, Operative Lighthouse Lead Machine Economy, Innovation Hub Innogy

Mit der Zunahme an digitalen Endgeräten, IoT Geräten, dezentralen Wirtschaftsgütern, autonomen Fahrzeugen und unterschiedlichen neuen „künstlichen“ Marktteilnehmern kommen die heutigen zentral gesteuerten IT-Systeme an die Grenzen ihrer Belastbarkeit, was Sicherheit, Skalierung und Transparenz betrifft.

Nach unserer Auffassung wird sich in 5 – 10 Jahren die Blockchain Technologie zu einer Schlüssel-IT-Technologie entwickeln, die sich auf verschiedene Industriebereiche ausbreiten wird: Ob im Bereich Mobilität, Produktion & Fertigung, Gesundheit, Grundbücher-Eintrag, Digitale Identitäten, das Internet der Dinge (Internet of Things/IoT) oder eben Energie. Es werden bereichsspezifische Blockchains mit einem Standard für bestimmte Anwendungsfälle entstehen. Im innogy Innovation Hub denken wir da insbesondere an die Bereiche Mobilität, Energie oder Smart Home. Hier werden sich neue Konsortial-Strukturen bilden, wo sich ehemalige Kontrahenten aus der Energie oder Mobilität aus Gründen der Kosten-Effizienz, Sicherheit und Transparenz auf eine interoperable Transaktions-Infrastruktur einigen werden.

Wir antizipieren eine weitere Evolution im Kundensegment.  In der Zukunft, wie wir sie im innogy Innovation Hub sehen, werden smarte Maschinen (Drohnen, selbstfahrende Autos, Solar-Anlagen, 3D Drucker ect…) dank Blockchain Technologien zu elektronischen Kunden mit eigenem Bank-Konto, welche selbstständig Transaktionen tätigen, Dienstleistungen nutzen (Maintenance, Versicherungen) oder anbieten (z.B. autonome Fahrzeuge sammeln und vertreiben Geo-Daten an Algorithmen) und diese Dienstleistungen wiederum in finanzielle Mittel umwandeln können: Tokens wie Bitcoin. APIs dienen hier als Kommunikationsschnittstelle zwischen den Geräten, die künstliche Intelligenz sorgt für den Abgleich von Verfügbarkeit, Bedarf und Preis und die Blockchain verantwortet die Abrechnung. Das Internet bekommt quasi eine integrierte Clearingstelle für Transaktionen zwischen Menschen (Peer-to-Peer) als auch zwischen Mensch und Maschine und Maschine und Maschine.

 

Wo sehen Sie die Einsatzmöglichkeiten für Blockchain in der Energiewirtschaft und wo die Grenzen?

Einsatzmöglichkeiten für Blockchain

Jannis Holthusen, Geschäftsführer Upchain GmbH

Neben dem Einsatz im bestehenden Energiehandel – wo Blockchain-Technologie vor allem Effizienzgewinne verspricht – kann ich mir vorstellen, dass neue Energieprodukte entwickelt werden. Auf einer Blockchain können ‚Attribute‘ (z.B. grüner Strom/Wärme) effizient mitgeführt werden. Das macht Energie für Verbraucher interessant; gleichzeitig ließen sich evtl. auch gesetzliche Vorschriften leichter erfüllen.

Wir könnten z.B. die Energiebilanz von Gebäuden auf einer Blockchain verrechnen – energieeffizient errichtete Gebäude profitieren von diesem Ausgleich, da der Effizienzvorteil (über die gesetzlichen Vorschriften hinaus) monetarisiert werden kann. So werden gleichzeitig neue Anreize für energieeffizientes Bauen gesetzt.

Grenzen sehe ich zurzeit vor allem bei der Verbindung zum physischen Netz – damit Daten auf einer Blockchain digital verarbeitet werden können müssen sie von einer sicheren Quelle auf der Blockchain verfügbar gemacht werden. Mit der Verbreitung von Smart Metern könnten sich hier noch interessante Anwendungsfälle ergeben.

Filip Milojkovic, beratender Volkswirt – Energiewirtschaft

Offen gesagt, ich denke der Hype um Blockchain in der Energiewirtschaft wird sich in absehbarer Zeit etwas abkühlen. Danach kommt die Phase von Versuch und Irrtum, wenn die ersten Geschäftsmodelle fliegen, oder eben auch nicht. Die meisten Features einer Blockchain lassen sich ebenso gut durch andere Datenbanksysteme abbilden. Dadurch wird es eine wirtschaftliche Frage, welches System zum Einsatz kommt. Das Aufsetzen einer eigenen Blockchain ist technisch anspruchsvoll und prohibitiv teuer. Deshalb nutzen viele Modelle bestehende Blockchains und „docken an“. Hier besteht die Gefahr einer Abhängigkeit von dieser Technologie und die einzelne Transaktion ist nicht immer günstig. Einsatzmöglichkeiten in der Energiewirtschaft sind potenziell vielfältig und immer dort interessant, wo hohe Transaktionskosten anfallen und Zwischenhändler durch eine direkte Kunden-Lieferanten-Beziehung aus der Gleichung genommen werden können. Ob ein derartiges Geschäftsmodell wirtschaftlich durch eine Blockchain umgesetzt werden kann, muss man sich genau anschauen.

Kerstin Eichmann, Operative Lighthouse Lead Machine Economy, Innovation Hub Innogy

Die Energiewirtschaft steht vor großen Herausforderungen: Dezentralisierung, Dekarbonisierung, Demokratisierung und Digitalisierung. Bis 2025 sollen 40% der Energie aus regenerativen Quellen stammen. Diese Energiewende schaffen wir nur, wenn wir unsere Bevölkerung mit einbeziehen. Es gibt ein steigendes Bedürfnis in der Gesellschaft, die Energiewende lokal mit beeinflussen zu können. Unser Bürger möchten mitbestimmen, wie viel Energie sie konsumieren, generieren oder gar an andere Parteien verkaufen. Im innogy innovation Hub sehen wir daher die Entstehung einer neuen Sharing-Economy für Energie. Die Stromerzeugung durch viele dezentrale Anlagen stellt jedoch eine große Herausforderung für unser Netz dar, welches eigentlich nur für eine Richtung ausgelegt ist: Vom Energiekonzern über die Verteilsysteme zum Nutzer. Nicht umgekehrt. Die steigende Komplexität, viele dezentrale Anlagen und Marktteilnehmer zu steuern und den Strom ins Netz einzuspeisen bei gleichzeitiger Netzstabilität, kann mit den bestehenden Systemen nur schwer abgebildet werden. Die Blockchain-Transaktionstechnologie kann auch hier Abhilfe schaffen, da sie den Austausch, die Validierung und Dokumentation von Daten aus unterschiedlichen Quellen vereinfacht. Jüngst haben wir dazu das Start-up Conjoule (http://conjoule.de/de/start/) ausgegründet, das lokale ‚Prosumern‘ (Menschen, die Stromerzeuger und –abnehmer zugleich sind)  die Möglichkeit gibt, ihre selbst erzeugte erneuerbare Energie oder ihre überschüssige Energie über einen dezentralen Marktplatz an einen lokalen Abnehmer wie den hiesigen Supermarkt, die Schule oder den Nachbarn zu verkaufen. In diesem Beispiel kann durch die Nutzung von Blockchain-Technologien eine authentifizierte, sichere und nachweisbare Kommunikation und Transaktion zwischen unterschiedlichen Marktteilnehmern gewährleistet sein. Die Energiewirtschaft muss nun gemeinsam mit der Politik einen entsprechenden Rechtsrahmen schaffen,  damit die Nutzung solcher P2P Marktmodelle nicht nur ideologisch, sondern auch kommerziell attraktiv wird.

 

Was fasziniert den Markt allgemein an der Blockchain-Technologie? Wo sehen Sie den Reiz des Einsatzes und welche Parallelen müssen zwischen Politik und Wirtschaft noch gezogen werden, damit sich Blockchain als Marktinstrument etabliert?

Fazination Blockchain-Technologie

Jannis Holthusen, Geschäftsführer Upchain GmbH

Blockchain-Technologie ist auf vielen Ebenen faszinierend: dass ganz ohne Vertrauensinstitutionen Werte geschaffen, verwaltet und transferiert werden können, dass „jeder“ heute die Möglichkeit hat, Anwendungen auf einer manipulationssicheren – allgemein verfügbaren – IT-Infrastruktur zu entwickeln, oder auch dass ganz neue Organisations- und Finanzierungsformen erprobt werden.

Da gibt es natürlich noch viele Reibungspunkte mit den bestehenden Märkten und gesetzlichen Anforderungen: die Blockchain-Technologie zwingt alle – politischen und wirtschaftlichen – Institutionen noch einmal genau zu hinterfragen, welchen Mehrwert sie bieten, wie sie ihr Angebot verbessern können, welche Regeln erneuert werden müssen. Letztlich liegt es dann am Nutzer zu entscheiden, welches Angebot ihm am meisten zusagt – ob er eine Blockchain-Lösung einem ‚traditionellen‘ Angebot vorzieht.

Filip Milojkovic, beratender Volkswirt – Energiewirtschaft

Mit der Blockchain-Technologie werden Eigenschaften verbunden wie: Vertrauen, fälschungssicher, Skalierbarkeit und die disruptive Kraft Transaktionskosten zu senken. Die Politik sollte offen sein für Pilotprojekte und den regulatorischen Rahmen dafür nicht zu eng setzen. Allerdings ist es wohl noch etwas zu früh, um ernsthaft über Gesetzgebungsverfahren zu sprechen, wenn der Proof-of-concept für eine Anwendung in der Energiewirtschaft im großen Maßstab noch aussteht. In Bezug auf Bitcoin haben wir in New York eine Regulierung der Handelszulassung gesehen, die den Markt zum erliegen gebracht hat. Das muss in Deutschland natürlich verhindert werden.

Kerstin Eichmann, Operative Lighthouse Lead Machine Economy, Innovation Hub Innogy

Das Produktversprechen der Blockchain, dass jeder Mensch Zugang zum Kapitalmarkt erhält, unabhängig davon, in welchem Land er oder sie lebt, oder einen Personalausweis besitzt, um sich ausweisen zu können (KYC = Know your Customer) übt auf viele Menschen eine große Faszination aus. Ein anderes wichtiges Thema ist der Datenschutz: Mit der Blockchain wird der Kunde wieder Herr seiner Daten. Im Unterschied zum aktuellen System, wo die Kundendaten auf zentralen Servern abgespeichert und monetarisiert werden, hat bei der Blockchain-Technologie nur derjenige Zugriff auf die Daten, der auch im Besitz des Private Keys ist: Der Kunde selbst. Durch diesen Paradigmenwechsel wird der Kunde wieder emanzipiert. Es steht in seiner Macht, was mit seinen Daten passiert und für welche Anwendungsfälle er sie freigeben und dafür incentiviert werden möchte. Nicht umgekehrt.

Gerade unsere deutsche Vorreiterrolle in Sachen Datenschutz und Privatsphäre kann uns dabei helfen, dass Potential der Blockchain zu erkennen und hier die richtigen Weichen zu stellen – auch auf Bundesebene. Ein weiterer Hebel ist hier sicher die Einführung des neuen europäischen Datenschutzgesetztes GDPR (General Data Protection Regulation), welches die Grundprinzipien der Blockchain-Bewegung unbewusst widerspiegelt: Schutz personenbezogener Daten, Vertraulichkeit, Richtigkeit der Daten und natürlich die Einwilligung des Kunden, die bei Blockchain durch den Einsatz von Private Key (Unterschrift des Kunden) und Public Key (Kundenadresse) systemimmanent ist.

Es gibt in Deutschland, besonders in Berlin, bereits ein riesiges Blockchain-Netzwerk mit vielen interessanten Initiativen und Startups. Die Politik muss nun mittels gezielter Maßnahmen die richtigen Signale setzen, damit die neuen Akteure des dezentralen Internets nicht in die Schweiz abwandern, das sich als neues Crypto-Valley positioniert. Eine Anpassung im deutschen Unternehmensrecht kann dabei helfen, den weiteren Ausbau Blockchain-basierter Geschäftsmodelle zu fördern. Das kann beispielsweise die Öffnung von Rechtsformen für dezentrale Organisationen beinhalten oder die rechtliche Absicherung der geschäftlichen Nutzung sogenannter Tokens, die häufig Grundstein und Zahlungsmittel Blockchain-basierter Geschäftsmodelle sind. Hier benötigen die Gründer einen rechtsicheren Rahmen für die Emission und den Handel digitaler Werte.

 

 

Wie sehen Sie die Technolgie Blockchain? Wir freuen uns auf Ihr Feedback.

 

 

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